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Interview mit Susanne Binder und Herbert Langthaler

Susanne Binder ist als selbständige Wissenschafterin und Universitäts- und FH-Lektorin in den Bereichen Interkulturelles Lernen und Migrations- und Flüchtlingsforschung tätig. Wir haben mit ihr im Mai 2017 über das Thema „Rassismus und Vorurteile“ gesprochen.

Herbert Langthaler arbeitet für die asylkoordination österreich und ist zudem als Journalist und Trainer in verschiedenen Antirassismus- und Demokratieprogrammen tätig. Er unterrichtet an den Universitäten Wien (Kultur- und Sozialanthropologie), Klagenfurt (Erziehungswissenschaft) und der Universität für Angewandte Kunst Wien.

Wir haben mit ihnen im Mai 2017 über das Thema „Rassismus und Vorurteile“ gesprochen.

Wie würden Sie einem Kind in einfachen Worten (oder anhand eines Beispiels) den Begriff „Rassismus“ erklären?

Binder: Rassismus ist eine Form der Diskriminierung (Ausgrenzung, Unterdrückung) von einer ganzen Gruppe von Menschen. Dabei werden andere wegen bestimmter, meist biologischer Merkmale (z.B. Hautfarbe) als minderwertig gesehen. Diesen Menschen werden oft negative Eigenschaften zugeschrieben, die als nicht veränderbar betrachtet werden. Ebenso wird dies dazu verwendet, um das rassistische Verhalten zu rechtfertigen. Rassistische Ansichten sind verallgemeinernd und gehen davon aus, dass es wenig Unterschiede innerhalb der diskriminierten Gruppe gibt.

Langthaler: Die Gruppe wird zu „den Anderen“ und es wird so getan, wie wenn dies „von Natur aus“ so wäre. Die „Anderen“ werden „Uns“ gegenübergestellt.
Historisch ist das mit schwarzen Menschen so geschehen: Sie wurden „Neger“ genannt, es wurde behauptet sie seien „faul“. Rassismus hat auch was damit zu tun, dass eine Gruppe die Macht hat, eine andere abzuwerten. In der Geschichte waren das die weißen Europäer(Innen) und sie sind es auch heute noch. Ein zweites historisches Beispiel ist der Nationalsozialismus, als alle sozialen Unterschiede ausgeblendet wurden und eine „Volksgemeinschaft“ konstruiert wurde.

Welche Gruppen sind in unserer Gesellschaft besonders von Vorurteilen und Rassismus und betroffen? Und warum?

Binder: Vor allem Minderheiten sind besonders von Vorurteilen und Rassismus betroffen. Minderheiten sind Gruppen, die nicht der Mehrheit angehören, die bestimmt, was „normal“ ist. Es gibt unterschiedliche Diversitäts-Kategorien wie: ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht, Alter, Religion, sexuelle Orientierung (heterosexuell, homosexuell, transgender usw.), physische Fähigkeiten (Gesundheit/Behinderung). Entlang der Diversitäts-Kategorien findet oft Diskriminierung statt, etwa durch Benachteiligung von Frauen, älteren Menschen oder Menschen mit Behinderung – oder durch Vorurteile gegenüber Zugewanderten oder Homosexuellen. In Österreich nehmen seit einigen Jahren rassistische Haltungen vor allem gegenüber Muslim/innen zu.


Langthaler: Es gilt durch diese Konstruktionen des minderwertigen und zugleich gefährlichen „Anderen“ von der wachsenden sozialen Ungleichheit abzulenken und Verunsicherung und Existenzängste in Kanäle zu lenken, die für die bestehenden Verhältnisse nicht gefährlich werden können. So werden plötzlich in einer weitestgehend säkularen (weltlichen) Gesellschaft „christliche Werte“ hoch gehalten – in erster Linie um als Gegensatz dazu „die Muslime“ konstruieren zu können.

Was sind Beispiele für den sogenannten „Alltagsrassismus“?

Binder: Alltagsrassismus zeigt sich im täglichen Umgang miteinander: Frauen, die Kopftuch tragen, werden auf der Straße beschimpft; Menschen mit dunkler Hautfarbe werden häufig von der Polizei kontrolliert; Frauen mit Burkini dürfen ein Schwimmbad nicht benutzen; rassistische Sprüche wie „Ausländer raus“ werden auf Wände gesprüht, und vieles mehr. Häufig ist es auch einfach ein unbedachter Umgang mit Sprache, der verletzend wirken kann und auch dem Alltagsrassismus zugeordnet werden kann, z.B. Roma und Sinti als „Zigeuner“ zu bezeichnen.


Langthaler: Menschen mit arabisch klingenden Namen bekommen keine Wohnungen oder nur unter extrem ausbeuterischen Mietverhältnissen oder nur, wenn sie sehr reich sind. Der „falsche“ Akzent und der „falsche“ Name verschlechtern nachweislich Jobchancen. Einschlägige Witze, Blicke und Fragen, woher man kommt und ob man wieder dorthin zurückgeht, gehören zum alltäglichen Erfahrungsschatz von Menschen, die „sichtbar anders“ sind. Wobei erstere eher Beispiele für strukturellen Rassismus in Österreich sind.

Wo liegt für Sie persönlich die Grenze zwischen „Meinungsfreiheit“ und „Diskriminierung“?

Binder: Die Grenze zwischen „Meinungsfreiheit“ und „Diskriminierung“ ist schwierig zu ziehen, weil sie in manchen Fällen situationsabhängig ist. Ausschlaggebend ist, ob eine Haltung oder Aussage von den Betroffenen als diskriminierend oder verletzend empfunden wird. Zudem stellt sich bei dieser Grenze auch die Frage, wer aus welcher Position heraus spricht und wer (oder was) damit angesprochen werden soll – sind mit einer diskriminierenden Aussage Personen gemeint oder bestimmte Umstände/Verhältnisse?

Langthaler: Aktuell sind wir neben Diskriminierung auch noch mit bewusst lancierten Falschmeldungen und Behauptungen konfrontiert. Sehr oft wird Kritikern dann mit dem Verweis auf „Meinungsvielfalt und Pressefreiheit“ gekontert. Der Verweis auf „Meinungsfreiheit“ ist in der Regel eine Schutzbehauptung. Meinungsfreiheit ist ein verbrieftes Recht, das erst bei Wiederbetätigungs- und Verhetzungstatbeständen eine Einschränkung erlaubt.

Was bedeutet Anti-Rassismus-Arbeit für Sie? Wie können Vorurteile abgebaut werden?

Binder: Ein wesentlicher Aspekt ist, Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen, um „das Fremde“ nicht mehr fremd sein zu lassen. In Begegnungszonen ist es möglich, einander auf Augenhöhe zu begegnen und ein Klima dafür zu schaffen, dass aufklärend informiert werden kann. Dafür bieten sich beispielsweise Workshops in Schulklassen an oder Info-Abende in Gemeinden, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Wichtig ist dabei immer, Reflexionsmöglichkeiten anzubieten – also einen Rahmen bieten, in dem über die eigene Haltung und etwaige Vorurteile nachgedacht und gesprochen werden kann.

Langthaler: Es geht in Antirassismusarbeit in erster Linie darum, demokratische Strukturen, Mitbestimmung, soziale Sicherheit zu stärken, damit Rassismus seine Notwendigkeit verliert. Wer sich seiner selbst sicher ist, braucht keine Schwächeren, auf die er/sie herunterschauen muss. Auf der anderen Seite geht es darum, Bewusstsein zu schaffen für Mechanismen, die zu Vorurteilen führen sowie für die Geschichte und Funktion von verschiedenen Formen von Rassismus.

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gedruckt am: Freitag, 20. Oktober 2017