DemokratieWEBstatt.at

Interview zum Thema Pressefreiheit: Was sagt ein Experte?

Otto Ranftl ist leitender Redakteur und Leserbeauftragter der österreichischen Tageszeitung Der Standard.

Seit mehr als 30 Jahren bin ich Journalist, 18 Jahre davon Chronik-Ressortleiter im Standard. Im September 2007 habe ich unter der neuen Chefredakteurin Dr. Alexandra Föderl-Schmid das Amt des Leserbeauftragten übernommen - mit der Einführung dieser Funktion hat der Standard eine für Österreich neue Schnittstelle zwischen Leserschaft und Redaktion eingeführt: Es geht darum, die Anliegen der Leserschaft in der Redaktion zu vertreten, das bedeutet auch, die Qualität der Arbeit in den Blick zu nehmen.

Was bedeutet „objektiv berichten“?

Jedes Ding hat zwei Seiten, JournalistInnen müssen beide beachten. Objektiv berichten bedeutet, dass man versucht, genau zu ergründen, was passiert ist, wie das die Betroffenen der einen Seite erlebt haben und wie das die Betroffenen der anderen Seite erlebt haben. Objektivität bedeutet, dass JournalistInnen in einem Bericht Fakten liefern müssen und nicht Meinung; dass sie schreiben, was geschehen ist, und nicht was sie sich dazu denken.

nach oben

Wie sehen Sie die Presse- und Informationsfreiheit in Österreich?

Unsere Gesetze schützen die Presse- und Informationsfreiheit. Keine Behörde darf JournalistInnen vorschreiben, was sie zu berichten haben und, dass sie etwas zu unterlassen hätten. Die Behörden sind auch verpflichtet Auskunft zu geben, solange nicht persönliche Daten von Menschen weitergegeben werden. Das ist die eine Seite.
Die andere Seite: Der Medienmarkt in Österreich befindet sich in Schieflage. Es gibt ein paar große Medienunternehmen, die durch ihre Größe starke wirtschaftliche und publizistische Macht erreicht haben. PolitikerInnen glauben, darauf besonders Rücksicht nehmen zu müssen und ihr Verhalten mit den Vorstellungen einiger MedienmacherInnen abstimmen zu müssen. Damit treten diese Medien aus der Rolle der reinen Berichterstattung über politische Vorgänge heraus und werden selbst zum (Mit-) Gestalter der Politik. Das ist falsch verstandene Freiheit: Die Presse hat die Freiheit über alles zu berichten, aber nicht die Freiheit, selbst Politik zu machen.

nach oben

Was ist für Sie das wichtigste an dem Recht der Informations- und Pressefreiheit?

JournalistInnen können frei berichten, sie können nicht gezwungen werden, etwas gegen ihren Willen zu schreiben oder es zu unterlassen, etwas zu schreiben. Niemand kann sich aussuchen, was berichtet wird.

nach oben

Dürfen Sie als Journalist bei einer Zeitung schreiben was sie wollen?

Jede Freiheit hat ihre Grenzen dort, wo sie die Freiheit der anderen beschneidet. Für die journalistische Freiheit gilt: die Wahrheit und die Suche danach sind die Richtschnur – die Freiheit zu berichten endet dort, wo andere Menschen ungerechtfertigt angegriffen, eines unehrenhaften Verhaltens beschuldigt werden. Jeder Mensch hat ein Recht auf sein oder ihr Privatleben, das gilt auch für Prominente. Hier endet die Freiheit der Berichterstattung: Was SchauspielerInnen, SängerInnen und PolitikerInnen in ihren Wohnungen tun, geht niemanden etwas an, solange es sich nicht um Verbrechen handelt. Jeder Mensch hat ein Recht auf einen untadeligen Ruf, JournalistInnen dürfen diesen nicht beschädigen. Wenn jemand von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft eines Verbrechens beschuldigt wird, müssen die JournalistInnen beachten, dass man in einem Rechtsstaat so lange als unschuldige und untadelige Person gilt, so lang man nicht verurteilt ist. JournalistInnen dürfen also nicht schreiben, was sie wollen, sondern nur was wahr ist.

nach oben

Dürfen Sie keine eigene Meinung haben?

JournalistInnen dürfen selbstverständlich eine eigene Meinung haben, es wäre auch dumm zu glauben, sie können ihre Ansichten bei der Arbeit unterdrücken. Entscheidend ist, dass Bericht und Meinung getrennt werden. Die Leserschaft muss erkennen, was die Fakten und was die Meinung der JournalistInnen ist. Die Unterscheidung lautet: Was ist geschehen?, das ist der Bericht – was soll man davon halten?, das ist die Meinung.
Es ist durchaus sinnvoll, dass JournalistInnen auch ihre Meinung ausdrücken: Wenn sie sagen, was sie von einem bestimmten Ereignis halten, geben sie der Leserschaft die Möglichkeit der Orientierung – man weiß, was man von einem Ereignis halten soll, weil man mit der JournalistInnen-Meinung übereinstimmt, oder weil man zur Erkenntnis kommt, dass das die falschen Argumente sind und gerade das Gegenteil richtig sein müsste.

nach oben

Kommt es auch vor, dass Artikel abgelehnt werden? –Mit welcher Begründung?

Wenn ein Artikel schlecht recherchiert ist, darf er nicht veröffentlicht werden. Wenn jemand zum Beispiel einer Straftat beschuldigt wird und ihm keine Gelegenheit gegeben wird, sich zu verteidigen: So etwas zu veröffentlichen ist unstatthaft.
Viel häufiger werden Artikel aber abgelehnt, weil andere Artikel wichtiger sind. Die Redaktionen müssen eine Auswahl von Artikeln treffen, sie müssen entscheiden was wichtig und was weniger wichtig ist, weil nicht alles nebeneinander Platz hat. Wenn die Feuerwehr einen entflogenen Papagei aus einem hohen Baum rettet, so ist das vielleicht interessant, wenn am selben Tag aber die Maturareform vorgestellt wird, so ist ein Artikel darüber sicher wichtiger.

nach oben

Waren Sie schon in Ländern, in welchen keine Pressefreiheit herrscht? –Wie war das für Sie?

In unseren Nachbarländern im Osten hat es für Jahrzehnte keine Pressefreiheit gegeben. Ich habe das als bedrückend erlebt, niemand hat wirklich gewusst, was wirklich geschieht, wie man sich auf die Zukunft einrichten soll, es war für die Menschen dort ein Leben, das ihnen keine Wahlfreiheit gelassen hat, man kann auch sagen, keine Perspektiven gegeben hat – ein Leben in Aussichtslosigkeit.

nach oben

Wie ist der Weg von einer Veranstaltung in die Zeitung, welche Schritte braucht es?

Die JournalistInnen müssen wissen, dass es diese Veranstaltung gibt, man muss sie also darüber informieren – anrufen, Brief schreiben, Einladung schicken, Informationen mit E-Mail schicken, persönlich mit jemandem reden, wenn man einen Journalisten oder eine Journalistin kennt. Die JournalisteInnen müssen dabei überzeugt werden, dass diese Veranstaltung wichtig ist und wichtig heißt in diesem Fall, dass sie auch für andere Personen interessant ist. Man muss die JournalistInnen also für ihre Sache begeistern – und man darf nicht locker lassen, wenn es nicht gleich klappt. Es gibt ja viele Dinge, die zu berichten sind – wir haben das schon unter der Frage, warum Artikel abgelehnt werden, besprochen – und in diesem Fall geht es darum, die ReporterInnen davon zu überzeugen, dass ein anderer Artikel weniger wichtig als die eigene Veranstaltung ist.

nach oben

Welche drei Dinge muss man als JournalistIn besonders gut können und warum?

JournalistInnen müssen gut recherchieren können, also sich auf die Erklärungen von mehreren Seiten einlassen wollen – sie müssen neugierig sein. Das ist wichtig, weil ihre Berichte sonst unfair ausfallen werden – was das bedeutet, kann man sich unschwer denken, wenn man sich vorstellt, dass man plötzlich selbst Teil der Berichterstattung wird und etwas über einen geschrieben wird, zu dem man nicht gefragt wird.
JournalistInnen müssen ihr Handwerkszeug beherrschen, das ist die Sprache. Sie müssen sich ausdrücken können, damit man versteht, was sie meinen, und sie müssen auch mit Fremdsprachen umgehen können, weil die Geschehnisse, die unser Leben heute wesentlich bestimmen, oft außerhalb unserer Sprachgrenzen liegen.
JournalistInnen müssen Verantwortung übernehmen: Sie müssen sich die Sorgen anderer Menschen zu eigen machen wollen und denjenigen eine Stimme geben wollen, die man gegenüber den Institutionen – Behörden, großen Betrieben etwa – sonst  nicht hören würde.

nach oben

Was mögen Sie an Ihrem Beruf?

Ich mag diesen Beruf absolut, weil ich eben neugierig bin und diese Neugier hier bestmöglich befriedigen kann. Ich mag diesen Beruf, weil er unwahrscheinlich abwechslungsreich ist. Mit einer Tageszeitung hat man jeden Tag sozusagen Premiere – man kann glänzen und glorios scheitern, diese Spannung hält wunderbar fit. Und schließlich: Man hat mit Menschen zu tun, man kann sich auf die anderen einlassen und lernt sie so kennen.

nach oben

Was nervt JournalistInnen am meisten?

Unverständnis: Wenn man etwas schon dreimal erklärt hat und noch immer nicht verstanden wird. Und Zeit- und Platznot nerven auch – weil man nie genug Zeit hat, seine Artikel so sorgfältig zu Ende zu bringen, wie man sich das wünscht und weil man nie genug Platz hat, alles das zu schreiben, was man für wichtig hält.
Was noch nervt: Wenn in anderen Zeitungen etwas zur sensationellen Enthüllung erklärt wird, was man längst geschrieben hat (und man dann womöglich noch gefragt wird, warum man darauf nicht auch selbst gekommen ist.)

nach oben

https://demokratiewebstatt.at/thema/thema-pressefreiheit/interview-was-sagt-ein-journalist-zum-thema-pressefreiheit/
gedruckt am: Montag, 23. Oktober 2017