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Interview: Freizeit – früher und heute

Gilbert Norden lehrt und forscht seit mehr als 30 Jahren an der Universität Wien. Sein Fachgebiet ist Soziologie. Das ist die Wissenschaft von der Gesellschaft oder von den sozialen Beziehungen und Verhaltensweisen der Menschen. Zu den Verhaltensweisen, mit denen sich Soziologinnen und Soziologen beschäftigen, gehört das Verhalten in der Freizeit.

Wir haben mit ihm im Juni 2013 über das Thema „Freizeit“ gesprochen.

Wie verbringen die Österreicherinnen und Österreicher ihre Freizeit?

Viel Freizeit wird mit Fernsehen verbracht. Die weiteren Freizeitbeschäftigungen sind vielfältig. Die Vielfalt lässt sich aus der folgenden Liste von Freizeitbeschäftigungen von A bis Z ersehen:

Ausstellungen und Museen besuchen
Baden gehen, in die Sauna gehen
Besuche machen und empfangen
Briefe schreiben und lesen
Camping
Chatten, Bloggen, Twittern, Facebook oder E-Mails schreiben und lesen
Computer- und Videospiele, Spiele am Handy spielen
DVD-, Videofilme anschauen
Einkaufs- und Schaufensterbummel machen, Shoppen
Flohmärkte, Basare oder Börsen besuchen
Fotografieren, Filmen
Freunde treffen
Gasthäuser, Restaurants, Konditoreien, Kaffeehäuser oder andere Lokale besuchen
Herumfahren mit dem Auto, Motorrad oder Moped
Hund ausführen, sich mit Haustieren beschäftigen
Im Internet surfen
In die Kirche gehen
In einen Verein oder Club gehen
In Ruhe Kaffee oder Bier trinken
Jahrmärkte, Volksfeste, Kirtage oder Events besuchen
Kartenspielen, Schach oder andere Gesellschaftsspiele spielen
Kino besuchen
Lesen von Zeitungen, Zeitschriften, Illustrierten, Comics oder Büchern
Leute kennenlernen, neue Bekanntschaften knüpfen
Mit der Familie zusammen sein, sich Angehörigen widmen, mit Kindern spielen
Musik hören
Musik machen/Musizieren, Singen
Nichtstun, Faulenzen, Ausruhen, Ausschlafen
Oper, Konzert, Musical, Theater oder Kabarett besuchen
Partys, Feste feiern
Quiz spielen, Rätsel lösen
Radio hören
Reisen machen
Sammeln von Ansichtskarten, Autogrammen, Bildern, Briefmarken, Büchern, Comic Heften, Münzen, Schallplatten, Uhren oder anderen Sachen
Sich in Ruhe pflegen, etwas für die Schönheit tun
Spazieren gehen
Spielhalle, Freizeitpark besuchen
Sport betreiben: Die beliebtesten Sportarten sind Schwimmen, Wandern, Radfahren, Laufen, Skifahren und Fußball
Sportveranstaltungen besuchen
Tanzen gehen
Telefonieren, SMS-Nachrichten schreiben und lesen
Über Gott und die Welt reden
Versammlungen besuchen
Vorträge, Lesungen oder Kurse besuchen
Wochenendfahrten, Ausflüge machen
X-trem-Sport, also Abenteuer- oder Risiko-Sport betreiben
Yoga, Autogenes Training machen, Meditieren
Zeichnen, Malen, Basteln, Töpfern oder andere kunsthandwerkliche Tätigkeiten
Zoo/Tierpark besuchen

Darüber hinaus gibt es noch eine Reihe von Freizeitbeschäftigungen, die mit Arbeit zu tun haben. Dazu gehören Haus bauen, Werken im Haus oder in der Wohnung, Arbeiten im Garten oder auf einem Grundstück, Aufräumen, Sachen in Ordnung bringen, Auto, Motorrad oder Moped pflegen und reparieren, Nähen, Stricken, Schneidern, Kochen, Nachbarn helfen, sich um andere Menschen kümmern, sich beruflich weiterbilden, nebenberufliche Tätigkeiten zum Dazuverdienen und unbezahlte Tätigkeiten in der Kirche, in einer Bürgerinitiative, in einer politischen Partei oder in einer anderen Organisation. 

Hat sich die Gestaltung der Freizeit im Laufe der Zeit verändert?

Ja, sehr. Man braucht sich nur vor Augen zu führen, dass es viele heute selbstverständlich erscheinende Angebote erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit gibt. Internet und Handy zum Beispiel gibt es erst seit ungefähr 20 Jahren. Das Festnetztelefon gibt es zwar schon um einiges länger, aber vor rund 50 Jahren hatten viele Familien noch keinen Anschluss. Anstatt zu telefonieren, schrieben die Menschen einander häufiger Briefe, anstatt per Telefon Treffen zu vereinbaren, schaute man unangemeldet bei den betreffenden Personen vorbei oder wusste diese Personen in einem Kaffeehaus oder an einem anderen Treffpunkt zu finden. Ebenso wenig wie der Besitz eines Telefons war jener eines Autos oder eines Fernsehgerätes verbreitet. Fernsehen war in meiner Kindheit, also vor ungefähr 50 Jahren, etwas Besonderes. In dem Dorf in der Steiermark, wo meine Familie und ich damals den Urlaub verbrachten, gab es nur in einem einzigen Haus ein Fernsehgerät. Dort sind viele Kinder des Dorfes jeden Mittwochnachmittag dicht gedrängt am Fußboden gesessen, um  die „Kasperl“-Sendung anzuschauen. Es gab damals auch viel weniger Sendungen als heute. Ein Zappen durch die Kanäle wie es heute oft gemacht wird, war unmöglich, weil es nur zwei Kanäle gab, wovon der zweite Kanal nur an drei Tagen pro Woche sendete. Anstatt fernzusehen hörten die Menschen zum Beispiel Radio. Oder sie schauten einfach nur zum Fenster hinaus. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass viele Menschen weniger Geld, längere Arbeitszeiten und körperlich anstrengende Berufe hatten und sich daher in der Freizeit hauptsächlich ausruhen wollten. Dementsprechend waren auch das Bedürfnis nach Sport und Bewegung, das Interesse an einem Hobby und das Verlangen nach Aktivurlauben geringer. Allgemein wurden Urlaube mehr in Österreich als im Ausland verbracht, wohingegen heute Urlauber mehr ins Ausland als innerhalb Österreichs verreisen. Zu dieser Vorliebe für Auslandsreisen haben der Abbau der Grenzkontrollen seit 1997 und die Währungsumstellung von Schilling auf Euro in Österreich 2002 beigetragen.

Welche Tipps haben Sie gegen Langeweile?

Wenn ich mit meiner neunjährigen Nichte auf die Straßenbahn oder den Autobus warte, vertreiben wir uns die Zeit zum Beispiel mit Frage-und-Antwortspielen oder Bewegungsspielen. Ein Bewegungsspiel kann etwa so aussehen: Einer von uns beiden zeigt eine Reihe von Arm- und Beinbewegungen vor, der andere muss sich die Bewegungen merken und nachmachen. Oder: Meine Nichte macht zuerst eine Bewegung vor, dann ich eine andere, dann wieder sie eine weitere, und so weiter, bis wir auf diese Weise eine ganze Reihe von Bewegungen zusammengestellt haben. Wir versuchen uns die Reihenfolge zu merken und führen dann die Bewegungen gemeinsam aus. Solche einstudierten Bewegungsfolgen nennt man im Ballett und im Tanz-Sport Choreografien. Je länger Choreografien sind, desto schwieriger ist es, sie sich zu merken. Im Merken wird man besser, wenn man viel übt. Üben kann man Choreografien nahezu
überall, in der Wohnung genauso wie im Hof oder Park oder eben bei einer Haltestelle. Man braucht dazu nicht unbedingt jemand anderen. Es geht auch ganz gut alleine. Probier es einmal. Dir fallen sicher irgendwelche lustigen Bewegungen ein. Die Bewegungen machst Du nacheinander und schon hast Du eine Choreografie, die Du üben kannst. Zeig sie dann Deinen Freunden, Du wirst sehen, die wollen gleich mitmachen und ihr habt genauso viel Spaß wie meine Nichte und ich bei unseren Übungen.

Was machen Sie, wenn Sie gerade nicht arbeiten, am liebsten?

In meiner Freizeit beschäftige ich mich gerne mit meiner Familie, unternehme etwas mit Freunden und betreibe Sport. Bewegung und Sport haben mir schon als Kind viel Spaß gemacht und außerdem kann ich dabei am besten abschalten und mich von der Arbeit erholen. Deshalb gehe ich wenn möglich nach der Arbeit ins Fitness-Studio und mache dort in einer Gruppe Tanzgymnastik oder Training mit Hanteln. Am Wochenende spiele ich öfters Badminton (Federball). Im Sommer mache ich Radtouren und Wanderungen, im Winter gehe ich Skifahren, Skiwandern, Ski-Langlaufen und Eislaufen. Zu jeder Jahreszeit gehe ich nach der sportlichen Betätigung gerne in die Sauna. Gerne besuche ich auch Museen und Ausstellungen, vertiefe mich in ein Buch oder lese Zeitungen. Ein besonderes Hobby von mir ist das Lesen alter Zeitungen. Dabei kann ich mich in die Vergangenheit zurückversetzen und mir ausmalen, wie es gewesen wäre, wenn ich vor 100 Jahren oder so gelebt hätte. Das ist für mich sehr spannend.

https://demokratiewebstatt.at/thema/thema-freizeit-und-urlaub/interview/
gedruckt am: Dienstag, 17. Oktober 2017