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Österreichs Rolle im geteilten Europa

Österreich als neutraler Staat

Auch Österreich und Wien wurden von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 in vier Besatzungszonen geteilt. In Österreich bestand so ebenfalls die Gefahr einer Teilung des Landes. Der von den Sowjets besetzte Osten Österreichs hätte unter dem Einflussgebiet der Sowjetunion bleiben können – ähnlich wie bei der DDR. Erst als sich Österreich zu „immerwährender Neutralität“ bekannte, stimmten die sowjetischen Besatzer 1955 der Unterzeichnung des Staatsvertrags zu und Österreich erhielt seine volle staatliche Unabhängigkeit. 

Als neutrales Land nahm Österreich zwischen den beiden Blöcken – West und Ost – eine besondere Stellung ein. Österreich sah sich als Brückenbauerzwischen Ost und West: Internationale Organisationen hatten hier ihren Sitz, internationale Konferenzen fanden statt, und Wien wurde als Verhandlungsort auf neutralem Boden genutzt. In einer besonders dramatischen Phase des Kalten Kriegs kam es im Juni 1961 in Wien zu einem Treffen der damaligen Staatschefs der USA und der Sowjetunion, John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow

Auch in den folgenden Jahren nutzten Österreichs PolitikerInnen den Status der immerwährenden Neutralität, um bei zwischenstaatlichen Konflikten zu vermitteln und sich für friedliche Lösungen einzusetzen. Die in den 1950er-Jahren eher ungeliebte Neutralität gehört für die ÖsterreicherInnen heute zum nationalen Selbstverständnis.

Der Kalte Krieg an Österreichs Grenzen

Auch Österreich war vom Kalten Krieg betroffen: bei der Ungarnkrise 1956 und beim Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakeiim August 1968. In beiden Fällen war das österreichische Bundesheer in Alarmbereitschaft, um die Grenzen vor einem möglichen sowjetischen Einmarsch zu schützen.

Ungarnkrise 1956

Der sowjetische Einfluss in Ungarn hatte zu einer wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit Ungarns geführt und das Land aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Menschen begannen Widerstand gegen das sowjetische Regime zu leisten. Im Oktober 1956 kam es zu Großdemonstrationen und Streiks, die als Ungarnaufstand bekannt wurden. Nach nur wenigen Tagen schlugen sowjetische Truppen den Aufstand mit Gewalt nieder. 180.000 Menschen flohen über die Grenze nach Österreich, die während der kurzen Zeit des Aufstands weniger streng bewacht wurde. Nur etwa 20.000 blieben in Österreich.

Truppeneinmarsch in die Tschechoslowakei 1968

Auch die BürgerInnen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (ČSSR) sehnten sich nach mehr Unabhängigkeit und Demokratie. In den Jahren 1964 bis zum Frühjahr1968 gab es zahlreiche Bemühungen um Veränderung, die als Prager Frühling bekannt wurden. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts brachte das Land jedoch mit Gewalt wieder unter sowjetischen Einfluss. In den Jahren 1968 und 1969 gelang mehr als hunderttausend Menschen die Flucht vor dem kommunistischen Regime in den Westen, bis der Eiserne Vorhang an der tschechoslowakischen Grenze 1969 wieder geschlossen wurde.

Sowohl 1956 als auch 1968/69 nahm Österreich zahlreiche Flüchtlinge auf. In Notunterkünften und Lagern wurden tausende Menschen untergebracht. Das Rote Kreuz und die Caritas aber auch viele Privatpersonen halfen mit Verpflegung, Kleidung, Medikamenten und Verbandsmaterial. Die meisten Flüchtlinge reisten von Österreich in ein anderes westeuropäisches Land weiter oder wanderten auf andere Kontinente aus.

  • Flüchtlinge im Lager Traiskirchen

    Ankunft ungarischer Flüchtlinge im Lager Traiskirchen in NÖ © ÖNB / Albert Hilscher

  • Bundesheer im Flüchtlingshilfseinsatz

    Auch das österreichische Bundesheer im Flüchtlingshilfseinsatz 1956 © ÖNB / Albert Hilscher

  • Flüchtlingslager in der Wiener Stadthalle

    Auch die Wiener Stadthalle diente als Flüchtlingslager 1968 für Flüchtlinge aus der CSSR © ÖNB 

Österreich versuchte Kontakt zu halten zur Opposition in den Ostblock-Staaten. Wichtig war die Berichterstattung österreichischer Medien über die Ereignisse hinter dem Eisernen Vorhang. Sie verhalf den Bürgerrechtsbewegungen im Osten zu Öffentlichkeit. Österreichische JournalistInnen berichteten vor Ort über den Ungarnaufstand 1956 und den Prager Frühling 1968.  

ORF-Sendeanlagen waren verstärkt nach Osten gerichtet, damit die Programme auch in der ČSSR und Ungarn empfangen werden konnten. Bilder, die 1989 bei der Öffnung des Eisernen Vorhangs entstanden, wurden weltweit verbreitet. Sie trugen dazu bei, die Bürgerrechtsbewegungen im Ostblock zu ermutigen.

https://demokratiewebstatt.at/thema/thema-25-jahre-oeffnung-des-eisernen-vorhangs/oesterreichs-rolle-im-geteilten-europa/
gedruckt am: Donnerstag, 14. Dezember 2017