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Interview mit Heinz Fischer, Bundespräsident a.D.

Heinz Fischer war zwölf Jahre lang österreichischer Bundespräsident (2004-2016). Zuvor hatte er verschiedene politische Ämter inne: So war er Abgeordneter der SPÖ im Nationalrat, Wissenschaftsminister und Präsident des Österreichischen Nationalrates (1990-2002) Heinz Fischer wurde 1938 in Graz geboren – also in dem Jahr, als Österreich als eigenständiger Staat zu existieren aufhörte und Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reichs wurde. Heuer, im Gedenkjahr 2018, koordiniert er die Feierlichkeiten zum Thema „100 Jahre Republik“.

Im Interview im Oktober 2018 beantwortete er unsere Fragen rund um die Gründung und die Geschichte der Republik Österreich.

Wie würden Sie einem Kind erklären, welche Bedeutung die Gründung der Republik vor 100 Jahren hatte?

Vor hundert Jahren, als die Großeltern Deiner Mutter vielleicht noch kleine Kinder waren, ist ein großer blutiger Krieg zu Ende gegangen, nämlich der Erster Weltkrieg. Viele Soldaten und viele Zivilisten sind getötet worden, es herrschte große Not, der Kaiser musste abdanken und viel musste neu geregelt und neu begonnen werden. Auch neue Länder sind damals – im Jahr 1918 – entstanden, und eines dieser neuen Länder war eben die junge Republik Österreich, die allerdings viel kleiner war als die große, alte Monarchie Österreich-Ungarn.
Heuer feiern wir den 100. Geburtstag dieser Republik Österreich, und obwohl Länder oft viel länger „leben“ als Menschen, ist ein 100. Geburtstag doch auch für ein Land ein stolzes Ereignis, das uns veranlasst, in den Schulen und auch außerhalb der Schulen über diesen Geburtstag der Republik Österreich und über die Zukunft unseres Landes zu reden und nachzudenken.

Welche waren Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Änderungen beim Übergang von der Monarchie zur Republik?

Wie schon gesagt, sind aus der alten österreichisch-ungarischen Monarchie mit mehr als 50 Millionen Einwohnern mehrere Staaten hervorgegangen. Einer davon war die Republik Österreich, mit damals etwa sieben Millionen Einwohnern. Gleichzeitig ist aber aus der Monarchie eine Republik geworden, und es ist eine Demokratie entstanden, in der alle Erwachsenen, Männer ebenso wie Frauen, wählen konnten, und wo das Parlament wesentlich mehr Einfluss hatte als in der Zeit der Monarchie. Es ist auch noch vieles andere neu und anders gemacht worden, aber das wirst Du im Detail in der Schule lernen, und vielleicht kannst Du manches auch selbst herausfinden.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Ende des Zweiten Weltkriegs und an die Nachkriegszeit?

Österreich ist im März 1938 von Deutschland besetzt worden, deutsche Soldaten sind bei uns einmarschiert und Österreich hat aufgehört, ein selbständiger Staat zu sein. Es wurde vielmehr ein Teil Deutschlands, wobei in dieser Zeit in Deutschland der unmenschliche Diktator Adolf Hitler geherrscht hat. Ich selbst bin im Oktober 1938 geboren, habe also die Tage des Anschlusses noch nicht miterlebt, habe aber als Kind den ganzen Zweiten Weltkrieg miterlebt.

Wo gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Ersten und der Zweiten Republik?

Die wichtigste Gemeinsamkeit ist wohl, dass das Staatsgebiet der Ersten Republik ab 1921 das gleiche war wie das Staatsgebiet der Zweiten Republik. Natürlich sind auch die Menschen nicht „ausgewechselt“ worden, und daher waren viele Sitten und Gebräuche, die Sprache, das kulturelle Erbe und vieles mehr vor 1938 gleich wie nach 1945. Der wichtigste Unterschied zwischen Ersten und Zweiten Republik liegt wohl darin, dass in der Ersten Republik die Demokratie immer schwächer wurde und ab dem Jahr 1933/34 zu existieren aufhörte, während die Demokratie in der Zweiten Republik – beginnend mit April 1945 – wieder aufgebaut werden konnte und sich seither gut entwickelt hat. Auch die wirtschaftliche Situation ist in der Zweiten Republik viel besser als in der Ersten Republik und die Zahl der Beschäftigten in der Zweiten Republik viel größer als die Zahl der Beschäftigten in der Ersten Republik.

Was sollte Ihrer Meinung nach jedes Kind über die Republik Österreich wissen?

Ich würde sagen, dass es sich nicht in erster Linie um maximales Wissen über die Republik Österreich, sondern um maximales Interesse für die Republik Österreich handeln sollte, aber natürlich muss man einiges über die Geschichte und die Geografie unseres Landes wissen. Man muss auch wissen, dass Österreich eine demokratische Republik mit einer auch schon fast 100 Jahre alten Verfassung ist, dass es Grundwerte und Grundprinzipien in unserem Land gibt, wie z.B. die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die Freiheit der Kunst, weil wir insgesamt ein freier und demokratischer Staat sind. Toleranz ist wichtig für das Zusammenleben der Menschen, Nationalismus und Egoismus sind schädlich für das Zusammenleben der Menschen. Und wenn Ihr noch viele Fragen habt, dann seid bitte nicht schüchtern und fragt Eure Eltern oder LehrerInnen, und manches kann man auch auf dem Handy herausfinden.

Was interessiert Sie besonders an der Geschichte der Republik Österreich?

Ich kann nicht sagen, dass mich in der Geschichte unseres Landes ein bestimmtes Jahr interessiert und ein anderes Jahr nicht interessiert, dass mich bestimmte Politiker interessieren und andere nicht interessieren, dass mich bestimmte Bundesländer interessieren und andere nicht interessieren. Unser Land ist eine Einheit, und auch die Geschichte unseres Landes weist viele Zusammenhänge auf. Daher gilt der Grundsatz: Je mehr ich über ein Land und seine Geschichte weiß, umso besser kann ich die Vorgänge in diesem Land verstehen und umso besser kann ich mich auch im demokratischen Prozess zurechtfinden.

Wo sehen Sie die Republik Österreich in 100 Jahren?

Niemand kann seriöse Prognosen über die Situation eines Landes in 100 Jahren machen. Man kann sich Ziele setzen, man kann sich von der Zukunft Verschiedenes wünschen, man kann hoffen, dass die weitere Entwicklung einigermaßen stabil bleibt, man kann auch hoffen, dass sich in der weiteren Entwicklung manches deutlich verbessert. Jedenfalls wünsche ich mir auch in 100 Jahren ein friedliches, demokratisches, lebenswertes Österreich.

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gedruckt am: Sonntag, 18. November 2018