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Interview: Mit Oma und Opa in der Schule!

Wir haben bei Dr. Martina Müller, Lehrerin am Evangelischen Gymnasium und Werkschulheim Erdbergstraße 222A in Wien nachgefragt.

Dort begegnen sich Alt und Jung in den Schulstunden und bei zahlreichen spannenden Projekten. Wir haben mit Frau Dr. Müller im September 2012 ein Interview geführt.

An ihrer Schule gibt es einen diakonischen Schwerpunkt, Schüler und Schülerinnen besuchen zum Beispiel Menschen im nahegelegenen Seniorenheim, wie läuft das genau ab?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie unsere älteren Mitbewohner besucht werden. Einerseits finden immer wieder klassenbezogene Projekte - wie jetzt zum Tag des Respekts - statt, bei denen immer dieselbe SchülerInnengruppe auf Besuch kommt. Dabei werden aber immer andere Dinge unternommen, z.B. ein gemeinsamer Spaziergang, gemeinsames Basteln, Spielen, Malen, Singen, ...
Andererseits ist das Seniorenwohnheim quasi ein Teil unseres Schulgebäudes, und so kommen SchülerInnen verschiedenster Klassen in den verschiedensten Altersstufen mit unterschiedlichen LehrerInnen auf Besuch. So eine „Besuchsrunde“ gibt es eigentlich jede Woche. Manchmal zeigen unsere SchülerInnen ihre Erzeugnisse aus dem Werkunterricht her bzw. probieren auf den langen Gängen oben in den Wohneinheiten vor Publikum aus, ob ihre Werkstücke auch funktionstüchtig sind. Manchmal kommt eine Klasse im Musikunterricht zu Besuch oder sogar unser ganzer Schulchor.

Was passiert beim Geragogik-Unterricht (noch)?

In unserer Schule werden auch zwei Freigegenstände angeboten – „diakonisches Lernen“ und „Geragogik“. Das eine Angebot richtet sich an 10- bis 14-jährige SchülerInnen, die zu bestimmten Terminen unsere SeniorInnen besuchen und z.B. in der Vorweihnachtszeit Kekse gemeinsam backen, Advent feiern, basteln ...
Das andere Angebot ist eher für OberstufenschülerInnen gedacht, die neben den Besuchen auch theoretisches Wissen über ältere Menschen, deren Bedürfnisse, Probleme oder mögliche Krankheiten erfahren.
Die älteren SchülerInnen bekommen mehr Basiswissen über das Alter als Lebensabschnitt. Sie erfahren, warum manche ältere Menschen auf bestimmte Weise reagieren, warum bestimmte Tätigkeiten nicht mehr möglich sind, wie man helfen kann, welche Hilfseinrichtungen es gibt und so weiter.

Warum ist es wichtig, dass alte Menschen und junge Menschen zusammenkommen?

Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus entweder alten oder jungen Menschen. Wenn beide Altersgruppen Kontakt miteinander haben, ist ihr Umgang ein viel selbstverständlicherer. Man kennt einander eben einfach, weiß, was der jeweils andere dringend braucht, sich wünscht und womit man eine Freude machen kann. Ein weiteres Anliegen für uns als christliche Schule ist die Vermittlung von Werten wie Verantwortung, Respekt und Hilfsbereitschaft.
Außerdem wissen die älteren Menschen oft interessante Dinge zu erzählen, die wir nie erlebt haben und über die wir ohne sie vielleicht nie etwas erfahren würden. Umgekehrt kommen über die jungen BesucherInnen neue Ideen und Schwung in unsere Wohneinheiten. So profitiert jeder vom anderen.

„Das Leben bedeutet Veränderung, Zeit hinterlässt Spuren, Alter erzählt Geschichten“ – so lautete der Titel eines weiteren Projekts an Ihrer Schule. Wie ist das abgelaufen? Gibt es vielleicht eine nette Anekdote aus diesem Projekt?

In diesem Projekt wurden die SchülerInnen von einer professionellen Visagistin auf "alt" geschminkt, um so verschiedene Lebenssituationen alter Menschen nachzuempfinden.

Aus einem anderen Projekt ist mir in Erinnerung, wie bewegt zwei Schülerinnen waren, wie sie von einer Seniorin spontan das Angebot erhalten haben, dass sie jederzeit zu ihr kommen können, wenn sie Sorgen haben und mit niemandem sonst darüber reden wollen.

Sehr überrascht waren SchülerInnen auch, als sie nach einem gemeinsamen Spaziergang gleich für die kommende Woche zum Eisessen eingeladen wurden.

Eine andere Geschichte handelt von einem Projekt, in dem die Frage „Was trägt durchs Leben?“ gestellt wurde. Eine Dame zeigte ein Foto, auf dem sie und ihre Zwillingsschwester mit ihrer Oma zu sehen waren. Sie erzählten, dass ihre Oma ihnen quasi „einen roten Faden“ fürs Leben mitgegeben hat, der heute noch Richtlinie ist. Generell war erkennbar, dass immer Menschen im Mittelpunkt der Erinnerungen standen.

https://demokratiewebstatt.at/thema/jung-und-alt/interview-mit-oma-und-opa-in-der-schule/
gedruckt am: Dienstag, 17. Oktober 2017