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Hat eine Schiedsrichterin oder ein Schiedrichter immer Recht? Wir haben einen Experten befragt:

Univ. Prof. Dr. Walter Schrammel ist Rechtsexperte und forscht und lehrt an der Universität Wien. Da hält er auch eine Vorlesung über Sportrecht. Außerdem ist Prof. Schrammel stellvertretender Vorsitzender des Schiedsgerichts der Österreichischen Fußball-Bundesliga. Wir haben ihn zu der Frage: Haben SchiedsrichterInnen immer recht? befragt und interessante Antworten bekommen. Sieh dir an, was wir herausgefunden haben:

1. Als Rechtsspezialist kennen Sie sich gut mit Gesetzen aus. Was haben denn Fußballregeln und Gesetze gemeinsam?

Fußballregeln sind wie Gesetze im Fußball. Ein Bundesgesetz gilt in ganz Österreich gleichermaßen für alle Menschen. Das ermöglicht uns ein sicheres und friedliches Zusammenleben. So ähnlich ist das auch mit den internationalen Fußballregeln. Nur wo dieselben Regeln gelten, können Mannschaften aus Afrika in einen Wettbewerb mit Mannschaften aus Europa oder Asien treten.

2. Wer macht eigentlich die Fußballregeln?

Die FIFA ist der Weltfußballverband. Ihm gehören die Fußballverbände der verschiedenen Länder der Welt an und er sorgt dafür, dass Fußballspiele international ausgetragen werden können. Dazu hat die FIFA Regeln geschaffen, die von allen Mitgliedsländern beachtet werden müssen. Die FIFA kann diese Regeln auch ändern, wenn es nötig ist.

3. Und wer passt am Platz auf, dass die Regeln auch eingehalten werden?

Eine ganz wichtige Rolle kommt bei sportlichen Wettkämpfen den SchiedsrichterInnen zu. Die SchiedsrichterInnen müssen in allen Ländern die gleichen Regeln anwenden. Daher können auch SchiedsrichterInnen aus einem afrikanischen Staat zur Leitung eines Spieles zwischen europäischen Mannschaften eingesetzt werden.

4. Was muss man können, um SchiedsrichterIn zu werden?

Die SchiedsrichterInnen sollen für einen geordneten Ablauf der Sportveranstaltung sorgen. Sie werden von den Landesverbänden, denen sie angehören, entsprechend geschult, damit sie mit den Fußballregeln wohl vertraut sind. Die SchiedsrichterInnen haben bei ihrer Tätigkeit manchmal Entscheidungen zu treffen, die von den Beteiligten nicht so einfach akzeptiert werden. Das macht SchiedsrichterInnen oft unbeliebt.
Wenn du SchiedsrichterIn werden möchtest, dann solltest du natürlich jedenfalls Fußball mögen und auch sportlich sein. Wenn du dir ein Fußballspiel ansiehst, wirst du merken, dass die Schiedsrichterin oder der Schiedsrichter ganz schön viel laufen muss.

5. Machen SchiedsrichterInnen denn nie Fehler?

Natürlich können auch SchiedsrichterInnen selbst Fehlbeurteilungen unterlaufen. Ob ein Ball die Outlinie voll überschritten hat, lässt sich nicht immer völlig klar beurteilen. Der Schiedsrichterin oder dem Schiedsrichter stehen zur Erfüllung seiner Aufgaben zwar AssistentInnen zur Verfügung, auch diese können aber einmal nicht aufpassen und eine falsche Entscheidung treffen. Solche Fehler können natürlich den Ausgang des Spieles beeinflussen.

6. Und was passiert, wenn sich eine Schiedsrichterin oder ein Schiedsrichter doch einmal irrt?

Wird z. B. ein Foul im Strafraum nicht erkannt, wird die angreifende Mannschaft um die Chance gebracht, durch einen Elfmeter ein Tor zu erzielen und dadurch vielleicht das Spiel zu gewinnen. Man könnte nun eine Lösung darin finden, dass Entscheidungen von SchiedsrichterInnen von einem staatlichen Gericht oder von einem besonderen Sportgericht überprüft werden, ob sie mit den Fußballregeln im Einklang standen. Das hätte allerdings zur Folge, dass am Ende des Spieles oft nicht feststeht, wer das Spiel gewonnen hat. Gerichte bräuchten eine gewisse Zeit, um Fehler der Schiedsrichterin oder des Schiedsrichters zu erkennen. Deshalb einigte sich die FIFA darauf, Entscheidungen von SchiedsrichterInnen als Tatsachenentscheidungen festzulegen. Das heißt mit anderen Worten: Was die Schiedsrichterin oder der Schiedsrichter sagt, das gilt.

7. Heißt das, SchiedsrichterInnen haben auch recht, wenn sie eigentlich nicht recht haben?

Juristisch würde man sagen, dass die Entscheidung der Schiedsrichterin oder des Schiedsrichters materiell (in der Sache) falsch, aber formell richtig war. Diese Regel – Tatsachenentscheidungen sind unanfechtbar – führt naturgemäß zu negativen Reaktionen im Publikum, wenn es den Irrtum erkennt. Die SchiedsrichterInnen müssen mit solchen Reaktionen leben.

8. Abgesehen von Ihrer juristischen Tätigkeit, was denken Sie über Fehlentscheidungen von SchiedsrichterInnen?

Jeder Fehler wird irgendwann vergessen und kann sogar zur Popularität der Sportart beitragen. Der frühere Weltklassespieler Diego Maradona hat ein wichtiges Tor bei einer Fußballweltmeisterschaft mit der Hand erzielt. Für das Publikum war es klar erkennbar und im Fernsehen dokumentiert. Er hat dies als eine Art göttliche Fügung hingestellt. Sein Fehlverhalten und das Fehlverhalten des Schiedsrichters, der den Regelverstoß nicht erkannt hatte, sind heute wohl verziehen. Auch Stars sind nicht unfehlbar und Irrtümer von SchiedsrichterInnen lassen sich nicht vermeiden.

9. Gibt es noch etwas, das Sie den Fans oder SpielerInnen sagen wollen, die wegen einer Fehlentscheidung einer Schiedsrichterin oder eines Schiedsrichters verärgert sind?

Grundsätzlich sollte jeder Verein oder Fan, der sich über eine falsche Entscheidung beschwert, bedenken, dass sich ein Fehler der Schiedsrichterin oder des Schiedsrichters auch einmal zu seinen Gunsten auswirken kann. Und schließlich: SchiedsrichterInnen sind Menschen wie du und ich und Menschen machen manchmal Fehler.

https://demokratiewebstatt.at/thema/fussball/wer-macht-die-gesetze-im-fussball/interview-hat-eine-schiedsrichterin-oder-ein-schiedsrichter-immer-recht/
gedruckt am: Mittwoch, 13. Dezember 2017